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Sylvia Plath: Zungen aus Stein

 

Kurzgeschichten, die Fragmente eines Lebens aufgreifen und in immer wieder anderen Szenarien präsentieren, in andere Landschaften und Zusammenhänge eintauchen lassen.

Zwischen 1949 und 1962 entstanden die Kurzgeschichten, die in "Zungen aus Stein" zu einer Sammlung zusammengestellt wurden. Sie sind geprägt von Kindheitserinnerungen - auch an den 2. Weltkrieg und dessen Wahrnehmung in Amerika -, vom Erwachsenwerden und dem Erwachsensein. Nichts davon scheint eine Leichtigkeit bewahrt zu haben, denn selbst in der Retrospektive fließen Erkenntnisse aus dem Hier und Jetzt der Protagonistinnen ein. Die Frauen sind geprägt von Selbstzweifeln, einem feinen Gefühl für die allem unterliegende Wahrheit und einem traurigen Realitätssinn, der oft ins Depressive abrutscht. Nur selten bewahren Kindheitserinnerungen ihren Glanz, denn immer wieder werden Superhelden durch Erkenntnisse abseits gedrängt, ist ein Meer doch einfach nur Wasser und stehen Bilderbuch-Ehen nur auf sehr fragilen Füßen. Schriftsteller müssen unter Entbehrungen für Anerkennung kämpfen und Aufenthalte in Sanatorien eröffnen manchmal neue Einblicke in die eigene Seele. Eifersucht und bedingungslose Unterstützung der literarischen Versuche ihres Ehemannes sind ebenso aus ihrem Leben gegriffen wie das Kennenlernen ihres späteren Mannes auf einer alkoholseligen Verbingsparty.

Im Englischen zählte Sylvia Plath zu den Autorinnen, die mit unglaublicher Gewandtheit und trotzdem Schlichtheit Gedanken in Worte zu kleiden vermochten. Mit ähnlicher Eloquenz sind diese Übersetzungen gelungen. Julia Bachstein und Susanne Levin ist hier wirklich ein sprachlich erstaunliches Werk gelungen.

Was dem Buch leider fehlt, sind tiefergehende historische Fakten über Plath, von einigen doch nur sehr an der Oberfläche kratzenden Informationen abgesehen. Denn wer nicht gerade englischsprachige Literatur studiert hat, ist nicht unbedingt familiär mit ihrer Biographie. Und dabei ist gerade diese der Schlüssel zu den Erzählungen: Denn in all den Geschichten spiegeln sich Bruchstücke aus dem Plath'schen Leben wider. So ist die Narbe im Gesicht, die immer wieder beiläufig erwähnt wird, ein Relikt eines Selbstmordversuches der Sylvia Plath. Denn letztendlich dreht sich in ihren Geschichten immer wieder die stille Aufmerksamkeit um ihre Faszination mit dem Tod, dem Grausamen und ihrer gleichzeitigen Angst davor.

Und was am Ende allen Erzählungen eins ist, ist deren Melancholie und Einsamkeit - ein allzu deutlicher Hilferuf, der im Sog der Literatur unterging.

 

Fazit:

Unbedingt lesenswert. Vielleicht nicht unbedingt am Stück, denn jede einzelne der Erzählungen ist für sich ein Schatz. Im Zusammenhang verlieren sie leider durch die Wiederholung der Basiselemente etwas von ihrem Glanz.

 

Elisa Jannasch

Sylvia Plath: Zungen aus Stein

Broschiert - Frankfurter Verlagsanstalt
Erscheinungsdatum: September 2012
ISBN: 3627100212