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Stadt der Blinden

 

Director: Fernando Meirelles

Hauptdarsteller: Julianne Moore, Mark Ruffalo, Danny Glover, Gael García Bernal

Wie sähe unsere Welt aus, wenn Blindheit eine ansteckende Krankheit wäre, gegen die es kein Heilmittel gibt? Regisseur Fernando Meirelles spielt in seinem neuem Film mit dem beängstigenden Gedanken: Er lässt eine ganze Nation durch eine Blindheit-Epidemie ins Chaos versinken.

 

Alles beginnt alltäglich und harmlos – ein Mann stellt plötzlich an einer roten Ampel fest, dass er nicht sehen kann. Aufgrund seines eleganten Anzugs und seines teuren Autos vermutet der Zuschauer ebenso wie die Passanten im Film: Es sind seine Nerven, bestimmt zuviel Stress in der Arbeit gehabt.

An seinen Augen liegt es jedenfalls nicht, das bescheinigt ein Augenarzt (Mark Ruffalo) dem Blindgewordenen am selben Tag. Am nächsten Morgen wacht der Mediziner blind auf. Es bleibt nicht bei diesen zwei Fällen. Tausende Menschen verlieren binnen Stunden ihr Augenlicht. Schließlich tastet sich sogar die Präsidentin an das Rednerpult und gesteht, sie könne nicht einmal mehr Schatten ihrer Umgebung wahrnehmen.

Zu diesem Zeitpunkt ist der Augenarzt zusammen mit Patient Null (dem ersten Erkrankten) und anderen Blinden längst in Quarantäne untergebracht. Als Quarantäne dient jedoch kein hochmodernes Labor, sondern ein altes, verrottetes Gebäude. Bald wird es zur Unterkunft für mehr Menschen, als es jemals fassen könnte. Anarchie bricht aus, als eine Gruppe der neuen Insassen alle Essensrationen für sich beschlagnahmt. Die anderen müssen zahlen, wollen sie essen. Da Geld seinen Wert verloren hat, müssen sich die weiblichen Blinden für eine Scheibe Brot prostituieren.

Doch der Augenarzt und seine Frau (Julianne Moore) proben den Aufstand. Gewalt wird ebenso rasch zur Epidemie wie die Blindheit. Einer der Bösen (Gael García Bernal) schwört der Doktorfrau grausame Rache und schreit, er würde sie beim nächsten Mal an ihrer Stimme erkennen, worauf diese ihm kühl entgegnet: “Und ich dich an deinem Gesicht.”
 

Rasch wird klar, dass die Frau als Einzige gegen die Seuche immun ist - der Zuschauer blickt bisweilen durch ihre Augen und aus ihrer Perspektive auf den Horror um sie herum. Das liegt nicht nur an der guten Kameraführung, sondern auch an der Verfremdung der Farben, die der Regisseur vornimmt. Dadurch wird der Zuschauer gezwungen, in einen einschüchternden Alltag einzutauchen. Auf der Suche nach Normalität gerät er an Hunde, die tote Menschen fressen und Soldaten, die ihre blinden Mitmenschen reihenweise töten.

 

Fazit:

Vorlage für den Film ist das Buch des Nobelpreisträgers José Saramago. Die Frage, ob der Film dem Werk gerecht wird, ist jedoch fehl am Platz. Allen, die eher für das audio-visuelle Medium empfänglich sind, garantiert “Die Stadt der Blinden” einen aufwühlenden Kinoabend. Der Film hat Makel, soviel steht fest. Aber er konfrontiert seine Zuschauer mit allen Facetten der menschlichen Natur. Das können nicht viele Hollywood-Filme von sich behaupten.

 

Anna Gielas

Kino-Premiere: 23. Oktober 2008

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